Musik der Geborgenheit

Die Vertonungen des „Ave Maria“, des „Gegrüßet seist Du Maria“, nehmen in der Musikgeschichte einen besonderen Platz ein. Das wohl innigste Gebet der katholischen Kirche hat Komponisten seit der Renaissance zu Stücken angeregt, die ganz von süßer Melodik getragen sind, von einer meist weiblichen, verinnerlichten Gesangslinie mit stimmungsvoller Begleitung. Nicht zu Unrecht sind einige dieser Werke besonders volkstümlich geworden, stillen sie doch ein menschliches Grundbedürfnis nach Harmonie, nach dem Einssein mit Natur und Schöpfung. Musik, die Geborgenheit vermittelt, Gläubigkeit auch abseits kirchlicher Prägung, dabei oft durchzogen von romantischer Sinnlichkeit und einer eigentümlichen Symbiose von Mädchentum und Fraulichkeit. Das Programm dieser Aufnahme greift aber bewusst über die Vertonungen des religiösen Textes hinaus zu einer Reihe anderer Stücke, die ebenfalls diese Stimmung beinhalten.

Das berühmteste Ave Maria stammt vom Meister der französischen Spätromantik, Charles Gounod, der als Begleitung für seine schwelgerische und schwärmerische Melodie das erste Präludium aus Bachs „Wohltemperiertem Klavier“ verwendet hat, eines der wagemutigsten und dabei gelungensten Arrangements der Musikgeschichte. Ernstere, strengere Töne schlugen der Renaissance-Meister Giulio Caccini und der italofranzösische Klassizist Luigi Cherubini an. Franz Schubert vertonte nicht den liturgischen Text, sondern einen des englischen Klassikers Sir Walter Scott und fand dafür eine sehnsuchtsvolle Weise voll einzigartiger Schönheit. Die Arrangements von „Ave Verum“ und „Laudate Dominum“ stehen für die ebenso lebensfrohe wie verinnerlichte Gläubigkeit Mozarts.

Maria Theresia von Paradis, die blinde Wiener Pianistin der Klassik, war eine der ersten erfolgreichen komponierenden Frauen. Ihre „Sicilienne“ steht an der Wende zur Romantik. Die Autorschaft des berühmten Trauungsliedes „Caro mio ben“, ist nicht gesichert. Beide dafür in Frage kommenden Giordanis, Giuseppe und Tommaso, waren italienische Opernmeister des ausgehenden 18. Jahrhunderts und nicht miteinander verwandt. Bachs populäre, in vieler Gestalt bearbeitete Air ist ein kontemplativer Satz aus einer der glanzvollen weltlichen, aber eben auch von spirituellem Geist durchzogenen Orchestersuiten. Eine lyrische Schubert-Anverwandlung gelang dem großen Cellisten Louis Feuillard (1872 – 1941) mit „Chant élégiaque“. Von irdischerem Geist erfüllt ist Jules Massenets ägyptische Kurtisane Thais, eine in allen verführerischen Farben der Musik von 1900 schillernde Dame, die aber am Schluss der Oper geläutert im Kloster stirbt, während ihr Missionar leider zu spät in sinnlicher Liebe zu ihr entbrennt. Tschaikowskis „Valse sentimentale“, original ein Klavierstück, verströmt mehr Sentiment im Sinne leiser Melancholie als Sentimentalität. Die luzideste und in ihrer einprägsamen, zutiefst poetischen Melodik bekannteste klingende „Träumerei“ hat Robert Schumann im Klavierzyklus „Kinderszenen“ geschaffen. Zu den schönsten Liebesliedern der klassischen Musik zählt Beethovens „Ich liebe Dich“, Originaltitel „Zärtliche Liebe“, tief empfunden und völlig frei vom sprichwörtlichen Pathos des „Titans“. Eines der wundersamsten Wiegenlieder ist jenes von Franz Schubert; da verbinden sich höchste Meisterschaft und größte Einfachheit. All dies ist Musik, die von den poetischen Geheimnissen seelischen Erlebens erzählt.

Gottfried Franz Kasparek

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  • 05.12.2008 19:30 Uhr